Vorweg soll der Empörung der Szene vorgebeugt werden, indem ich hier sage, daß alles folgende lediglich mein Bild dieses Genres widerspiegelt. Ich bin seit jeher eher Freund der zweiten Welle des Blacks Metals, was heißt, insbesondere der Vertreter der norwegischen Szene am Anfang der Neunziger. Ich weiß nahezu garnichts über den heutigen Stand der Szene sowie deren Vertreter, aber darum soll sich der folgende Text auch nicht drehen.
Viel wurde über die musikalischen und gesellschaftlichen Wurzeln der Musiker rund um Mayhem und Burzum geschrieben, doch soll der folgende Text das Problem von einer eher gesamtgesellschaftlicheren Ebene angehen. Dies soll insbesondere anhand zweier Gestalten geschehen, und zwar Dead (Per Ohlin), ehemaliger Sänger von Mayhem, und Varg Vikernes von Burzum (Ein-Mann-Projekt). Ich werde beide Musiker kurz vorstellen, für alle, die nicht mit deren Geschichte vertraut sind, und danach ihren jeweiligen Einfluss auf die Szene und ihre Rolle in der Szene darlegen.
Dead (Sehnsucht, Verzweiflung)

Im Jahre 1969 geboren (Selbstmord am 8. April 1991) wuchs Per als ein exzentrisches und offenes Kind auf. Seine Lebensgeschichte wird in vielen Medien gerne als sehr statisch betrachtet, was natürlich nicht der Wahrheit entsprechen kann. Es wird häufig gesagt, daß seine Nahtod-Erfahrung, die laut seinem Bruder durch einen Angriff von Schulkameraden erzeugt wurde, zu seiner Verehrung des Todes selbst und somit zu seinem Pseudonym “Dead” geführt hätte, was schwer zu glauben ist, wenn man bedenkt, daß er zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt war. Vielmehr gab sein Bruder weiters an, daß diese Erfahrung für Per anfangs garnicht so interessant war, sondern er durch einen Schulwechsel und dem Finden von Freunden, eher wieder aufblühte. Das wird bestätigt durch damalige Bandkollegen, die eine Veränderung von Per zu Dead auch erst feststellten, als dieser schon eine kurze Zeit in Norwegen lebte. Es muss hier also von einer Entwicklung die Rede sein und nicht von einem Erlebnis, welches eine radikale Veränderung mit sich brachte. Weiters wird Dead gerne als schwer depressiv bezeichnet, was sicherlich auch nicht ganz der Wahrheit entspricht. Er war äußerst begeisterungsfähig, lacht auf Videos, tourte durch Europa und betrieb schreiberische und malerische Kunst. Es steht wohl außer Frage, daß Dead geistig nicht kerngesund war und Leidensdruck empfand, doch dürfte das Wort Depression zu grob für seinen einnehmenden Charakter sein.
Bis 1988 war Mayhem, wie viele Kenner der Musik sagen, lediglich eine Thrashmetal-Band mit klassischen Gore-Texten wie im damaligen Death-Metal üblich, mitsamt “Sauffotos”. Deads Ankunft war, was sie zu Black Metal machte. Nochmal, hier soll nicht über Instrumentierung gesprochen werden, sondern über die gesellschaftlichen und weltanschaulichen Aspekte des Black Metals. Das beinhaltet an dieser Stelle, daß Deads dunkles und todessüchtiges Wesen seinen Weg in die Musik Mayhems fand und die brutalen Texte durch düstere Texte, so weit sich Gelegenheit fand, ersetzt wurden.
Die Überschrift zu diesem Teil des Artikels weißt auf Sehnsucht und Verzweiflung hin. Bard “Faust” Eithun, damaliger Schlagzeuger der Band Emperor sagte über Dead aus, daß dieser offensichtlich nicht gerne in “dieser Welt” lebte. Vielleicht unbewusst trifft das sicherlich sehr gut zu. Dead lehnte nicht die Existenz an sich ab, sondern er lehnte eben diese/seine/die heutige/die jetzige Existenz ab. Der Text zum Lied “Life Eternal” lag seinem Abschiedsbrief bei. Die ersten Zeilen lauten:
A dream of another existence
You wish to die
A dream of another world
You pray for death
Seine Todessucht war zwar mit Auflösung verbunden, aber auch mit Veränderung. Seine Sehnsucht nach Veränderung liegt also ganz nahe bei einer Anti-Körperlichkeit und dem Tode selbst. Im obigen Foto sehen wir ihn mit Corpsepaint, etwas, daß er mehr oder minder in die Szene brachte und, laut dem Mayhem-Bassisten Jorn “Necrobutcher” Stubberud, nicht trug um “cool” oder “böse” zu wirken, sondern um tot zu wirken.
Als literarische Beispiele für Deads Empfinden sollen hier, bevor zum zweiten Abschnitt übergegangen wird, noch zwei Gedichte, nämlich Ludwig Tiecks “Melankolie” und Edgar Allan Poes “Alone”, stehen.
Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten
Durch Wolkenschleier matt und bleich,
Die Flur durchstrich das Geisterreich,
Als feindlich sich die Parzen abwärts wandten
Und zornge Götter mich ins Leben sandten.
Die Eule sang mir grause Wiegenlieder
Und schrie mir durch die stille Ruh
Ein gräßliches: Willkommen! zu.
Der bleiche Gram und Jammer sanken nieder
Und grüßten mich als längst gekannte Brüder.
Da sprach der Gram in banger Geisterstunde:
Du bist zu Qualen eingeweiht,
Ein Ziel des Schicksals Grausamkeit,
Die Bogen sind gespannt, und jede Stunde
Schlägt grausam dir stets neue blutge Wunde.
Dich werden alle Menschenfreuden fliehen,
Dich spricht kein Wesen freundlich an,
Du gehst die wüste Felsenbahn,
Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen,
Der Sonne Strahlen heiß und heißer glühen.
Die Liebe, die der Schöpfung All durchklingt,
Der Schirm in Jammer und Leiden,
Die Blüte aller Menschenfreuden,
Die unser Herz zum höchsten Himmel schwingt,
Wo Durst aus selgem Born Erquicken trinkt,
Die Liebe sei dir auf ewig versagt.
Das Tor ist hinter dir geschlossen,
Auf der Verzweiflung wilden Rossen
Wirst du durchs öde Leben hingejagt,
Wo keine Freude dir zu folgen wagt.
Dann sinkst du in die ewge Nacht zurück,
Sieh tausend Elend’ auf dich zielen,
Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen!
Ja, erst im ausgelöschten Todesblick
Begrüßt voll Mitleid dich das erste Glück.
- Ludwig Tieck
From childhood’s hour I have not been
As others were; I have not seen
As others saw; I could not bring
My passions from a common spring.
From the same source I have not taken
My sorrow; I could not awaken
My heart to joy at the same tone;
And all I loved, I loved alone.
Then- in my childhood, in the dawn
Of a most stormy life- was drawn
From every depth of good and ill
The mystery which binds me still:
From the torrent, or the fountain,
From the red cliff of the mountain,
From the sun that round me rolled
In its autumn tint of gold,
From the lightning in the sky
As it passed me flying by,
From the thunder and the storm,
And the cloud that took the form
(When the rest of Heaven was blue)
Of a demon in my view.
- Edgar Allan Poe
Varg Vikernes trug äußerst selten Corpsepaint, ist auf früheren Bildern aber oft mit Waffen abgebildet, was ganz entsprechend der Theorie dieses Artikels ist.
Varg Vikernes (Sehnsucht, Kampf)

So peinlich und unnötig auch viele spätere Aussagen von Vargs Seite sein mögen, man kann seinen Einfluss auf die Szene, sowohl musikalisch als auch weltanschaulich, nicht leugnen. Geboren wurde er 1973 in Bergen, lebte aber für ein Jahr in Bagdad, wegen eines väterlichen Arbeitsverhältnisses vor Ort. Von seiner Mutter wird er als ein sehr aufgewecktes und glückliches Kind mit einem hohen Drang zu Gerechtigkeit, sowie einer Abneigung zu Ordnung im Sinne von “geordnetem Spielen” aber auch schulischer Hierarchie, beschrieben. Er selbst umschreibt seine jeweiligen Hobbys als “Wellen”, die kamen und gingen. Somit sicher auch der Black Metal.
Unschwer zu erkennen, ein roter Faden mit Namen “Sehnsucht” zieht sich durch die Überschriften beider Musiker. Wer Burzums frühe Werke gehört hat wird keine Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage haben: Vikernes ist/war sehnsüchtig. Wolf-Rüdiger Mühlmann bezeichnet Vargs drittes Album “Hvis lyset tar oss” als “das traurigste, am meisten verlorenste, misanthropischste, hoffnungsloseste Black-Metal-Epos aller Zeiten”. Auch Vargs Texte lassen kaum Zweifel an dieser These aufkommen. Beispiele sind etwa “Beholding the Daughters of the Firmament” vom Album “Filosofem”:
I wonder how winter will be
with a spring that I shall never see
I wonder how night will be
with a day that I shall never see
I wonder how life will be
with a light I shall never see
I wonder how life will be
with a pain that lasts eternally
In every night there’s a different black
in every night I wish that I was back
to the time when I rode
through the forests of old
Das Lied “Lost Wisdom” vom Album “Det som engang var” lässt auch Parallelen zu Deads Ansichten erkennen:
While we may believe
our world – our reality
to be that is – is but one
manifestation of the essence
Other planes lie beyond the reach
of normal sense and common roads
But they are no less real
than what we see or touch or feel
Die Sehnsucht lässt sich also unschwer erkennen, doch ist Vargs offenbar nicht an eine folgliche Todessehnsucht gekettet wie es bei Dead der Fall war. Wie ist also Vargs Reaktion auf die Umstände?
Im Zusatzmaterial von “Until the Light takes us” berichtet er lang und breit über seine Zeit in den Achtzigern mitsamt seinen damaligen Freunden. Laut seinen Aussagen war diese Lebensphase geprägt vom Warten auf einen Krieg, also einen Bürgerkrieg oder den dritten Weltkrieg. Im eigentlichen Film sagt er dazu, daß nicht die Leidenschaft zur Zerstörung der Beweggrund dafür war, sondern das Wissen darum, daß wenn man etwas Neues aufbauen möchte, man das Alte erst zerstören muss. Man sieht, obwohl sich Vargs Sehnsucht in den Texten gerne auch auf andere Welten bezieht, was sich ja auch noch in seiner späteren Gläubigkeit widerspiegelt, ist sein Geist dennoch in erster Linie auf eine Veränderung der jetzigen Welt an sich ausgerichtet, die er im Krieg, im Konflikt erhofft.
Dem entsprechend endet sein damaliger Weg auch nicht mit einem Selbstmord, sondern mit Brandstiftungen und dem Konfrontieren der Öffentlichkeit durch die Presse. Er beschreibt später die Kirchenbrände als eine Möglichkeit den Menschen mit etwas Extremen die Augen zu öffnen, das heißt, eine Aktion die das Umdenken im Menschen erzeugen soll, was danach wiederrum zu einer Veränderung der Welt führen könnte. Hier spielt natürlich jugendlicher Leichtsinn und Naivität eine Rolle.
Um auch hier noch einen literarischen Verweis aufkommen zu lassen, dieses mal nicht aus der Romantik, Teile des “futuristischen Manifests”:
1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.
9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.
Auch wenn Varg einem Verweis zum Futurismus sicherlich nicht zustimmen würde, sind die Ähnlichkeiten zwischen den Beweggründen Marinettis und seinen jugendlichen Auswüchsen schwer zu übersehen.
Black Metal ist Sehnsucht, die sich durch “Konfrontation” oder “Depression” veräußerlicht
Für den Autor dieses Artikels ist dieser Satz die Konklusion. Früherer Black Metal wurde gespeist von der Sehnsucht einer ganzen Generation intelligenter Jugendlicher, welche bis heute nicht gestillt ist. Je nach Lebenslauf reagieren diese dann als Aggressor gegen das Außen oder das Innen, manchmal auch beides. Die Frage, wie diese Sehnsucht gestillt werden kann, übersteigt die Möglichkeiten dieses Artikels, sowie die Fähigkeiten des Autors.