Eine Wanderung III

Der Autor des Artikels erdreistet sich den Namen eines Gastbeitrages aufzugreifen und seine eigene, nicht fiktive Wanderung am heutigen Morgen mitsamt ein paar Gedanken nieder zu schreiben.

Entgegen der wäldlichen Idylle der bisherigen Wanderungen fängt diese mitten in der Stadt an und findet ihr Ende auch dort. Die Eindrücke zeugen keineswegs von der Faszination über die natürlichen Geheimnisse, sondern vom städtischen Alltag in all seinem durchschaubaren Fatalismus.

Sie beginnt an Stelle X, so trivial wie all die Anlaufplätze, die man täglich so anstrebt. Die Gedanken bewegen sich im eigenen Kosmos, drehen sich um die Tagesplanung, Vergangenheit und Zukunft, Philosophie und die Musik, die man durch Kopfhörer aufnimmt. Die Aufmerksamkeit führt ins Innere, bis zu diesem Zeitpunkt.

Viele Tauben springen über den Gehweg, in ihrer plump und angespannt wirkenden Manier nach Nahrung suchend, pickend und schon längst nicht mehr scheu. Bis auf eine. Diese ist keineswegs angespannt, liegt sie doch mit allen Vieren von sich gestreckt und aus dem Mund blutend mitten auf dem Gehweg. Sicherlich von einem der wenigen Autos überfahren, die den Fußgängerweg durchqueren. Nur ein Vieh, denken sicherlich die meisten. Kein Verlust, gibt eh zu viele. Auch der Autor bleibt nicht stehen, nachdem er den leblosen Körper gesehen hat. Doch prägt sich das Bild ein. Mitgefühl vermischt sich mit Tatendrang. Soll man sie aufsammeln? Begraben? Also, irgendwas sollte man doch machen. Ein Tier, sicherlich, doch ehemals auch ein Leben. Es ist dem Autor zuwider das Leben so verachtend einzuteilen, daß man auf bestimmte Ausformulierungen der Äußerlichkeit unterschiedlich reagieren sollte. Traurigkeit stellt sich ein und mittlerweile liegt die tote Taube auch bereits viele Meter hinter einem.

Irokesenschnitt, Lederjacke mit Anarchie-Patches, und seine Augen circa 30 Zentimeter vor ihm auf sein Smartphone gerichtet. Ob dieser Jugendliche, der dem Autor entgegen kommt, den toten Vogel auch bemerken wird? Sicherlich nicht. Aber warum eigentlich? Nicht nur, weil seine Aufmerksamkeit offensichtlich außerhalb dieses Weges angesiedelt ist. Naja, vielleicht bemerkt er ihn ja auch. Aber wird das auch zu einem inneren Monolog führen oder zur Seite geschoben? Sicherlich nur ein Vieh. Auf der anderen Seite, für den toten Körper selbst wird der Autor einen ähnlichen Unterschied machen wie der Jugendliche. Keinen. Irokesen und Smartphones. Das soll mal einer verstehen.

Den Bettler zu seiner Linken hat er aber definitiv nicht gesehen. Der Autor erinnert sich, eben jenem noch vor wenigen Wochen etwas Geld gegeben zu haben. Dabei weiß er schon, daß es keine wirkliche Hilfe ist. Betteln baut keine Existenzen auf. Vielleicht hat der Mann sich später eine Flasche Schnaps von gekauft. Aber der Blick des Bettlers, als er das Geld bekam, ist dem Autor noch im Gedächtnis geblieben. Es gab kein Lächeln, keine Danksagungen. Er blickte einfach nur mit seinem erschöpften Gesicht mal nicht auf den Boden sondern nach oben. Aber dieses mal bekommt er nichts, weil man ohnehin kein Geld dabei hat. Man glaubt nicht mal bemerkt worden zu sein. Er ist zu sehr damit beschäftigt sich an seinen Hund zu pressen und zu wippen um die Kälte zu bekämpfen. Gleichzeitig ruft Paul Sorvino dem Wanderer mit seinem fantastischen Tenor zu ruhigem Klavier in die Ohren:

GOLD, IT MAKES THE WORLD GO ‘ROUND.
GOLD, IT MAKES THE WORLD GO ‘ROUND.

Die eigene Haustür erscheint wie ein Hafen. Als die Tür ins Schloß fällt sind die Bilder ausgesperrt. Gott sei Dank.

Emotionale Quellen des Black Metals

Vorweg soll der Empörung der Szene vorgebeugt werden, indem ich hier sage, daß alles folgende lediglich mein Bild dieses Genres widerspiegelt. Ich bin seit jeher eher Freund der zweiten Welle des Blacks Metals, was heißt, insbesondere der Vertreter der norwegischen Szene am Anfang der Neunziger. Ich weiß nahezu garnichts über den heutigen Stand der Szene sowie deren Vertreter, aber darum soll sich der folgende Text auch nicht drehen.

Viel wurde über die musikalischen und gesellschaftlichen Wurzeln der Musiker rund um Mayhem und Burzum geschrieben, doch soll der folgende Text das Problem von einer eher gesamtgesellschaftlicheren Ebene angehen. Dies soll insbesondere anhand zweier Gestalten geschehen, und zwar Dead (Per Ohlin), ehemaliger Sänger von Mayhem, und Varg Vikernes von Burzum (Ein-Mann-Projekt). Ich werde beide Musiker kurz vorstellen, für alle, die nicht mit deren Geschichte vertraut sind, und danach ihren jeweiligen Einfluss auf die Szene und ihre Rolle in der Szene darlegen.

Dead (Sehnsucht, Verzweiflung)

Im Jahre 1969 geboren (Selbstmord am 8. April 1991) wuchs Per als ein exzentrisches und offenes Kind auf. Seine Lebensgeschichte wird in vielen Medien gerne als sehr statisch betrachtet, was natürlich nicht der Wahrheit entsprechen kann. Es wird häufig gesagt, daß seine Nahtod-Erfahrung, die laut seinem Bruder durch einen Angriff von Schulkameraden erzeugt wurde, zu seiner Verehrung des Todes selbst und somit zu seinem Pseudonym “Dead” geführt hätte, was schwer zu glauben ist, wenn man bedenkt, daß er zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt war. Vielmehr gab sein Bruder weiters an, daß diese Erfahrung für Per anfangs garnicht so interessant war, sondern er durch einen Schulwechsel und dem Finden von Freunden, eher wieder aufblühte. Das wird bestätigt durch damalige Bandkollegen, die eine Veränderung von Per zu Dead auch erst feststellten, als dieser schon eine kurze Zeit in Norwegen lebte. Es muss hier also von einer Entwicklung die Rede sein und nicht von einem Erlebnis, welches eine radikale Veränderung mit sich brachte. Weiters wird Dead gerne als schwer depressiv bezeichnet, was sicherlich auch nicht ganz der Wahrheit entspricht. Er war äußerst begeisterungsfähig, lacht auf Videos, tourte durch Europa und betrieb schreiberische und malerische Kunst. Es steht wohl außer Frage, daß Dead geistig nicht kerngesund war und Leidensdruck empfand, doch dürfte das Wort Depression zu grob für seinen einnehmenden Charakter sein.

Bis 1988 war Mayhem, wie viele Kenner der Musik sagen, lediglich eine Thrashmetal-Band mit klassischen Gore-Texten wie im damaligen Death-Metal üblich, mitsamt “Sauffotos”. Deads Ankunft war, was sie zu Black Metal machte. Nochmal, hier soll nicht über Instrumentierung gesprochen werden, sondern über die gesellschaftlichen und weltanschaulichen Aspekte des Black Metals. Das beinhaltet an dieser Stelle, daß Deads dunkles und todessüchtiges Wesen seinen Weg in die Musik Mayhems fand und die brutalen Texte durch düstere Texte, so weit sich Gelegenheit fand, ersetzt wurden.

Die Überschrift zu diesem Teil des Artikels weißt auf Sehnsucht und Verzweiflung hin. Bard “Faust” Eithun, damaliger Schlagzeuger der Band Emperor sagte über Dead aus, daß dieser offensichtlich nicht gerne in “dieser Welt” lebte. Vielleicht unbewusst trifft das sicherlich sehr gut zu. Dead lehnte nicht die Existenz an sich ab, sondern er lehnte eben diese/seine/die heutige/die jetzige Existenz ab. Der Text zum Lied “Life Eternal” lag seinem Abschiedsbrief bei. Die ersten Zeilen lauten:

A dream of another existence
You wish to die
A dream of another world
You pray for death

Seine Todessucht war zwar mit Auflösung verbunden, aber auch mit Veränderung. Seine Sehnsucht nach Veränderung liegt also ganz nahe bei einer Anti-Körperlichkeit und dem Tode selbst. Im obigen Foto sehen wir ihn mit Corpsepaint, etwas, daß er mehr oder minder in die Szene brachte und, laut dem Mayhem-Bassisten Jorn “Necrobutcher” Stubberud, nicht trug um “cool” oder “böse” zu wirken, sondern um tot zu wirken.

Als literarische Beispiele für Deads Empfinden sollen hier, bevor zum zweiten Abschnitt übergegangen wird, noch zwei Gedichte, nämlich Ludwig Tiecks “Melankolie” und Edgar Allan Poes “Alone”, stehen.

Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten
Durch Wolkenschleier matt und bleich,
Die Flur durchstrich das Geisterreich,
Als feindlich sich die Parzen abwärts wandten
Und zornge Götter mich ins Leben sandten.

Die Eule sang mir grause Wiegenlieder
Und schrie mir durch die stille Ruh
Ein gräßliches: Willkommen! zu.
Der bleiche Gram und Jammer sanken nieder
Und grüßten mich als längst gekannte Brüder.

Da sprach der Gram in banger Geisterstunde:
Du bist zu Qualen eingeweiht,
Ein Ziel des Schicksals Grausamkeit,
Die Bogen sind gespannt, und jede Stunde
Schlägt grausam dir stets neue blutge Wunde.

Dich werden alle Menschenfreuden fliehen,
Dich spricht kein Wesen freundlich an,
Du gehst die wüste Felsenbahn,
Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen,
Der Sonne Strahlen heiß und heißer glühen.

Die Liebe, die der Schöpfung All durchklingt,
Der Schirm in Jammer und Leiden,
Die Blüte aller Menschenfreuden,
Die unser Herz zum höchsten Himmel schwingt,
Wo Durst aus selgem Born Erquicken trinkt,

Die Liebe sei dir auf ewig versagt.
Das Tor ist hinter dir geschlossen,
Auf der Verzweiflung wilden Rossen
Wirst du durchs öde Leben hingejagt,
Wo keine Freude dir zu folgen wagt.

Dann sinkst du in die ewge Nacht zurück,
Sieh tausend Elend’ auf dich zielen,
Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen!
Ja, erst im ausgelöschten Todesblick
Begrüßt voll Mitleid dich das erste Glück.

- Ludwig Tieck

From childhood’s hour I have not been
As others were; I have not seen
As others saw; I could not bring
My passions from a common spring.
From the same source I have not taken
My sorrow; I could not awaken
My heart to joy at the same tone;
And all I loved, I loved alone.
Then- in my childhood, in the dawn
Of a most stormy life- was drawn
From every depth of good and ill
The mystery which binds me still:
From the torrent, or the fountain,
From the red cliff of the mountain,
From the sun that round me rolled
In its autumn tint of gold,
From the lightning in the sky
As it passed me flying by,
From the thunder and the storm,
And the cloud that took the form
(When the rest of Heaven was blue)
Of a demon in my view.

- Edgar Allan Poe

Varg Vikernes trug äußerst selten Corpsepaint, ist auf früheren Bildern aber oft mit Waffen abgebildet, was ganz entsprechend der Theorie dieses Artikels ist.

Varg Vikernes (Sehnsucht, Kampf)

So peinlich und unnötig auch viele spätere Aussagen von Vargs Seite sein mögen, man kann seinen Einfluss auf die Szene, sowohl musikalisch als auch weltanschaulich, nicht leugnen. Geboren wurde er 1973 in Bergen, lebte aber für ein Jahr in Bagdad, wegen eines väterlichen Arbeitsverhältnisses vor Ort. Von seiner Mutter wird er als ein sehr aufgewecktes und glückliches Kind mit einem hohen Drang zu Gerechtigkeit, sowie einer Abneigung zu Ordnung im Sinne von “geordnetem Spielen” aber auch schulischer Hierarchie, beschrieben. Er selbst umschreibt seine jeweiligen Hobbys als “Wellen”, die kamen und gingen. Somit sicher auch der Black Metal.

Unschwer zu erkennen, ein roter Faden mit Namen “Sehnsucht” zieht sich durch die Überschriften beider Musiker. Wer Burzums frühe Werke gehört hat wird keine Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage haben: Vikernes ist/war sehnsüchtig. Wolf-Rüdiger Mühlmann bezeichnet Vargs drittes Album “Hvis lyset tar oss” als “das traurigste, am meisten verlorenste, misanthropischste, hoffnungsloseste Black-Metal-Epos aller Zeiten”. Auch Vargs Texte lassen kaum Zweifel an dieser These aufkommen. Beispiele sind etwa “Beholding the Daughters of the Firmament” vom Album “Filosofem”:

I wonder how winter will be
with a spring that I shall never see
I wonder how night will be
with a day that I shall never see
I wonder how life will be
with a light I shall never see
I wonder how life will be
with a pain that lasts eternally

In every night there’s a different black
in every night I wish that I was back
to the time when I rode
through the forests of old

Das Lied “Lost Wisdom” vom Album “Det som engang var” lässt auch Parallelen zu Deads Ansichten erkennen:

While we may believe
our world – our reality
to be that is – is but one
manifestation of the essence

Other planes lie beyond the reach
of normal sense and common roads
But they are no less real
than what we see or touch or feel

Die Sehnsucht lässt sich also unschwer erkennen, doch ist Vargs offenbar nicht an eine folgliche Todessehnsucht gekettet wie es bei Dead der Fall war. Wie ist also Vargs Reaktion auf die Umstände?

Im Zusatzmaterial von “Until the Light takes us” berichtet er lang und breit über seine Zeit in den Achtzigern mitsamt seinen damaligen Freunden. Laut seinen Aussagen war diese Lebensphase geprägt vom Warten auf einen Krieg, also einen Bürgerkrieg oder den dritten Weltkrieg. Im eigentlichen Film sagt er dazu, daß nicht die Leidenschaft zur Zerstörung der Beweggrund dafür war, sondern das Wissen darum, daß wenn man etwas Neues aufbauen möchte, man das Alte erst zerstören muss. Man sieht, obwohl sich Vargs Sehnsucht in den Texten gerne auch auf andere Welten bezieht, was sich ja auch noch in seiner späteren Gläubigkeit widerspiegelt, ist sein Geist dennoch in erster Linie auf eine Veränderung der jetzigen Welt an sich ausgerichtet, die er im Krieg, im Konflikt erhofft.

Dem entsprechend endet sein damaliger Weg auch nicht mit einem Selbstmord, sondern mit Brandstiftungen und dem Konfrontieren der Öffentlichkeit durch die Presse. Er beschreibt später die Kirchenbrände als eine Möglichkeit den Menschen mit etwas Extremen die Augen zu öffnen, das heißt, eine Aktion die das Umdenken im Menschen erzeugen soll, was danach wiederrum zu einer Veränderung der Welt führen könnte. Hier spielt natürlich jugendlicher Leichtsinn und Naivität eine Rolle.

Um auch hier noch einen literarischen Verweis aufkommen zu lassen, dieses mal nicht aus der Romantik, Teile des “futuristischen Manifests”:

1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.
9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.

Auch wenn Varg einem Verweis zum Futurismus sicherlich nicht zustimmen würde, sind die Ähnlichkeiten zwischen den Beweggründen Marinettis und seinen jugendlichen Auswüchsen schwer zu übersehen.

Black Metal ist Sehnsucht, die sich durch “Konfrontation” oder “Depression” veräußerlicht

Für den Autor dieses Artikels ist dieser Satz die Konklusion. Früherer Black Metal wurde gespeist von der Sehnsucht einer ganzen Generation intelligenter Jugendlicher, welche bis heute nicht gestillt ist. Je nach Lebenslauf reagieren diese dann als Aggressor gegen das Außen oder das Innen, manchmal auch beides. Die Frage, wie diese Sehnsucht gestillt werden kann, übersteigt die Möglichkeiten dieses Artikels, sowie die Fähigkeiten des Autors.

Anarchie aus Comicbüchern

Durch die vielen intelligenten Köpfe in der Comicindustrie lohnt es sich definitiv, mal auf eines der dort “besprochenen” Themen genauer einzugehen, und zwar, eben das der Anarchie. Gerade in den 90er Jahren war die Rolle des anarchistischen Antagonisten sehr verbreitet, der, entgegen dem klassischen Helden der jeweiligen Comics, ein Verbreiter von Veränderung und Umdenken sein sollte. Als kleiner Einblick in diese Aussage, soll noch ein Zitat von Greg Burgas angeführt werden, der den Unterschied zwischen Anarky (einem anarchistischen Antagonisten) und Batman (einem Verbrechensbekämpfer) deutlich darstellt.

Anarky ist einer der interessanteren Charaktere der letzten fünfzehn oder zwanzig Jahre, nicht nur weil er ein Jugendlicher ist, sondern wegen dem, was er erreichen möchte. Anarky ist der direkte Kontrast zu Batman. Er ist ein Verfechter des Wandels, während Batman ein einfacher reaktionärer Vertreter ist, welcher den Status Quo bestärkt und sich Anarky entgegenstellt, obwohl Lonnie, der Junge unter der Maske, die Welt verbessern möchte anstatt nur die offensichtlichen Verbrecher zu verprügeln. [...] Er (Anarky) zeigt, wie erfolglos Batman gegen die wahren Gesellschaftsprobleme ist, und obwohl Batman sein Vorgehen stopt, finden wir uns doch mehr als Sympathisanten mit Anarky, als mit dem Repräsentanten des Status Quo.

Veränderung als neutrales Wort und die Veränderung eines negativen Zustandes mit positiver Konnotation kommt in diesem kleinen Abschnitt schon zur Geltung. Um das zu verdeutlichen, hier ein weiteres Zitat eines anarchistischen Antihelden:

Evey: All die Aufruhr und Ausschreitungen, V…ist das Anarchie? Ist das nun das Land des “Tu was du willst”?
V: Nein. Es ist nur das Land des “Nimm was du willst”. Anarchie bedeutet “ohne Führer”, nicht “ohne Ordnung”. Mit der Anarchie kommt eine Zeit der Ordnung, der wahren Ordnung, welche eine willentliche Ordnung ist. [...] Das hier ist keine Anarchie, Evey, es ist Chaos.

In der Symbolsprache stellt der Ouroboros, der Selbstverzehrer, das neutral bewertete Symbol für Wandlung und Verwandlung dar, trotz der offensichtlichen Gefahr, daß aus Veränderungen auch eben solche von augenscheinlich negativer Art geschehen kann, da die Schlange an sich giftig ist. Als sehr nahes Beispiel erscheint hier die Vergiftung Thors durch die Midgardschlange, oberflächlich sicherlich nicht als “gut” zu werten, am Ende aber durch den Ausgleich von Chaos und Ordnung zum idyllischen Szenario am Idafelde führend.

Trotz des kleinen esoterischen Exkurses ist die Anarchie natürlich in erster Linie ein politisches Konzept, welches aber, gemäß des “Innen & Außen” natürlich eine Gefühlsregung sein muss, die sich auch im Inneren abspielt. Kurz gesagt, die Möglichkeit zu allen Möglichkeiten. Freiheit.

Wir haben hier nun erfolgreich einen Graben ausgehoben. Die radikale Veränderung auf der einen Seite und die radikale Bewahrung auf der anderen Seite. Die Argumentation des Großteils der Mitbürger bewegt sich irgendwo dazwischen, also von dem Willen zur Veränderung durch Wahlen, bis zum friedlichen Protest. Man hat in den westlichen Demokratien ohne jeden Zweifel das Recht beides zu tun. Dazu aber nochmal Anarky:

1995 gaben die Länder des südöstlichen Asiens vierhundertfünfunddreißig Milliarden Dollar für ihr Militär aus — Nicht, weil die Menschen es verlangt haben, du verstehst; Wie viele Bauern kennst du, die einen Krieg begonnen haben? Mao TseTung hat eine Menge Unfug verbreitet, aber bei einer Sache lag er richtig: “alle (politische) Kraft kommt aus dem Lauf einer Kanone.” Du glaubst mir nicht, stimmts? Du lebst in einer Demokratie. Du wählst deine Führer — Also, sag mir — was passiert wenn du ihnen nicht gehorchst? Sagen wir, du magst den Präsidenten nicht. Du lehnst es ab Steuern zu bezahlen um ihn zu unterstützen, seine Familie, seine Haustiere, seine Bodyguards und seine Freunde, denen er den Job verschafft hat. Was machst du dann? Oder sagen wir du magst es nicht, daß deine Steuern das Abschlachten von Menschen in der dritten Welt finanziell unterstützen. Wie kannst du es aufhalten? Für jemand anderen wählen, dessen Politik die selbe ist? Gar nicht wählen? Die Regierung gibt vor dir zu dienen. In Wirklichkeit ist sie da um dir zu sagen, was du zu tun hast — Wenn du dich wehrst, wird gegen dich ermittelt– du wirst festgenommen– kriminalisiert. Dein Besitz wird beschlagnahmt und dem Staat übergeben. Du kommst ins Gefängnis. Und das ist das “freie” Amerika. [...]

Aber man sollte das im Zusammenhang mit dem folgenden Zitat des selben Aussprechenden betrachten:

Laut meinem Taschenwörterbuch bedeutet “böse”: “schlecht, schädlich”. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Bosheit geschieht absichtlich.

Man schaue sich nun auf der Welt um und richte seinen Blick, so unangenehm das auch ist, auf die negativen Seiten. Man sucht sich einen Aspekt raus und hangel sich an diesem zurück zum Ursprung. Dem Autor kommt Hunger, Krieg, Verschuldung/Armut, Unterdrückung in den Kopf. Alles Absicht oder nicht?

Falls man so weit geht und das bejaht, wird die Situation kompliziert. Man betrachtet den Status Quo nicht mehr als fehlgeleitet, unfähig oder unwissend. Gemäß der Definition des willentlichen Bösen kommen einem dann eher andere Adjektive in den Sinn. Plötzlich fühlt man sich nicht mehr zufrieden indem man einen Kasten Bier für den Regenwald trinkt, den Müll trennt, auf Demonstrationen geht, Unterschriften sammelt oder sich ehrenamtlich engagiert.
Im Prinzip ist die Umwelt und der Mensch sicherlich das eindeutigste Anzeichen für den temporären Zustand des Planeten. Laut der liberaldemokratischen Partei Großbritanniens wurde national im Jahre 2008 36 Millionen mal Antidepressiva verschrieben, also fast eine Verschreibung für jeden Erwachsenen des Landes. Daß diese Zahl bezeichnend ist und sich in naher Zukunft nicht ändern wird, steht wohl kaum zur Debatte. Man darf vom Gegenteil ausgehen. Über die Situation der Flora und Fauna soll hier kein Wort verloren werden, da jeder schon ein Bild davon hat, das, wenn er es noch hundertfach verschlimmert, nahe an der Wahrheit ist.

Warum nun die uralte Methode des anarchistischen Vorschlaghammers bei einem postmodernen Problem wie Umweltverschmutzung und Depressionen, mit allem was damit zusammenhängt? John Zerzan und Thom Hartmann würden sagen, daß das Problem kein modernes ist, sondern sich bereits seit tausenden von Jahren im Fortschritt befindet, wobei die genannten Veräußerlichungen immer die selben waren, deren Offensichtlichkeit sich aber bis heute gesteigert hat. Wenn nun aber die Veräußerlichungen die selben waren, dann könnte ja der Ursprung eben jener auch der selbe sein. Anarky:

Um Einstein außerhalb des Kontexts zu zitieren: “Gut und Böse sind relativ”; es gibt keine moralischen Absolutismen. Das ist gelogen. Es braucht nur zwei Gesetze um das ganze Universum zu verändern: Sei niemals der Anfang von Gewalt und betrüge nicht. Die Menschen, die unsere Welt verwalten brechen beide permanent.

Natürlich gibt es immer wieder Individuen bestimmter Couleur, die denken, daß sie viel fähiger sind den Anforderungen gerecht zu werden, die Relativität ihrer Aussage nicht zuletzt durch ihre Verschiedenfarbigkeit unterstreichend und ganz davon abgesehen, daß auch die Geschichte schon viele Systeme widerlegt, was den Anachronismen mancher egal zu sein scheint.
Nun aber wird manch einer aufschreien. “Wenn nun etwas anachronistisch ist, dann aber Anarchie!”, werden sie sagen. Das ist aber so nicht zutreffend, weil sich die Anarchie nicht als eine politische Bewegung verseht, die es irgendwann mal gab. Die Anarchie versteht sich als das Minimum und Maximum was der Mensch zum Leben braucht gleichzeitig, was, entgegen der Politik und vor allem der Demokratie, keine Frage der Meinung sein sollte. Sterbe ich, wenn ich einen Monat lang kein Wasser trinke? Ja. Sterbe ich, wenn ich einen Monat lang nicht fernsehen kann? Nein.  Nochmal das Zitat aus Fight Club:

Die Fähigkeit, das was ohne Bedeutung ist, weggleiten zu lassen.

Ganz in dem Sinne und mit Diogenes von Sinope im Hinterkopf, haben wir textlich nun doch aus einem politischen Begriff in die Welt der Esoterik und Philosophie gehoben. Zu diesen Kategorien gehörig ist er keiner und allen gleichzeitig.

Falls die Frage nach Möglichkeiten des Handels auftreten sollte, abschließend noch ein kurzes Zitat von Anarky, sowie weiterführendes Material:

Die Essenz von Anarchie ist dauerhafte Überraschung. Spontaneität…Lao-Tse wusste das und all die anderen chinesischen Typen.

Surplus oder Konsumterror

Eine Dokumentation von arte bezüglich des Themas mit vielen Interviews mit John Zerzan und einer Menge interessanten Aspekten. Leider in einem zeitweise störenden MTV-Stil gehalten.

Interview und Zitatsammlung:

Zerstörung ist ein Anfang (John Zerzan):

http://www.hossli.com/articles/2000/09/14/%C2%ABzerstorung-ist-ein-anfang%C2%BB/

Anarky bei Wikiquote (Englisch):

http://en.wikiquote.org/wiki/Anarky

Wissen stinkt!

Mehr eine Sammlung von denkwürdigen Zitaten, als ein Text. Der Sinn erschließt sich von selbst oder nicht.

In einem Punkt zumindest sind sich Linke und Rechte, Religiöse und Atheisten, Materialisten und Traditionalisten einig: Wissen ist Macht. Dieser Ausspruch, besonders gerne von der deutschen Rechten benutzt, geht auf Francis Bacon zurück, der vermutete, daß Wissen selbst den Menschen zu etwas Höherem erheben könnte. In wie fern das der Fall ist kann sicherlich jeder bei eingängiger Selbstbetrachtung für sich herausfinden, doch lassen wir als Opposition doch mal Erasmus von Rotterdam sprechen:

„Doch die Wortfechter werden wieder nicht lockerlassen. Bildung, so werden sie sagen, gehört zum Wesen des Menschen, da er mit ihrer Hilfe künstlich ergänzt, was ihm die Natur versagt hat. Kann man denn überhaupt annehmen, die Natur, die bei Flöhen, Pflanzen und Blumen so peinlich gesorgt hat, hätte allein den Menschen vernachlässigt, und man wäre auf jene Künste angewiesen, die der für den Menschen so unselige Erfinder Theuth zu unserm vollen Verderben ersonnen hat, Künste, die so wenig zum Glück verhelfen, daß sie sogar das gefährden, für das sie eigentlich erfunden sein sollen, wie jener fabelhaft kluge König bei Platon in seinen Worten über die Erfindung der Buchstaben glänzend beweist. So sind Wissenschaft und Künste mit allem übrigen Unheil in das menschliche Leben eingedrungen und kommen von den Urhebern aller Widerwärtigkeiten, den Dämonen, die ihren Namen sogar diesem Umstande verdanken, indem der griechische Name ja „Wissende“ bedeutet. Im goldenen Zeitalter war die Menschheit ja auch harmlos und frei von dem Rüstzeug der Wissenschaften und Künste, lebte nur im Vertrauen auf ihren natürlichen Instinkt. Was sollte auch die Sprachwissenschaft, da alle die gleiche Sprache hatten und man sie nur gebrauchte, um einander zu verstehen? Wozu hätte man Dialektik nötig gehabt, wo es keinen Meinungsstreit gab? Was sollte man mit der Rhetorik anfangen, da man keine Prozesse führte? Was sollte Gesetzeskenntnis, da es doch keine schlechten Sitten gab, die zweifellos der Ursprung guter Gesetze sind? Man war zu ehrfürchtig, um die Geheimnisse der Natur aufzudecken, die Größe, Bahn und Wirkung der Gestirne und den verborgenen Ursprung der Dinge zu erforschen, und hielt es für gottlos, als sterblicher Mensch über das gegebene Maß hinaus nach Wissen zu trachten. Das vermessene Streben nach Kenntnis der Verhältnisse oberhalb des Himmelsgewölbes kam damals keinem in den Sinn. Als aber der reine Glanz des goldenen Zeitalters allmählich verblaßte, brachten zuerst üble Erfinder die Künste auf, doch nur wenige machten sich diese zu eigen. Das anmaßliche Wissen der Chaldäer und die müßige Leichtfertigkeit der Griechen vermehrten sie später um sechshundert. Es sind arge Kreuze des Geistes, so daß die Grammatik  allein voll ausreichen würde als Marter für das ganze Leben.“

Der Wissende, das ist der Mensch der Städte baut und Blumen zertrampelt, der jeden freudigen Anlass ruiniert, der Besserwisser und Stubenhocker.

Der Philosoph

Das goldene Zeitalter

“Eins mußte man ihm lassen. Er hatte einen Plan, und der ergab langsam einen Sinn, Tyler-mäßig betrachtet. Keine Angst, keine Ablenkung. Die Fähigkeit, das was ohne Bedeutung ist, weggleiten zu lassen.” – Fight Club

Als Zusatz zur folgenden Anekdote über Diogenes von Sinope betrachtet:

„Als er einmal ein Kind sah, das aus den Händen trank, riß er seinen Becher aus seinem Ranzen heraus und warf ihn weg mit den Worten: ‘Ein Kind ist mein Meister geworden in der Genügsamkeit.’ Auch seine Schüssel warf er weg, als er eine ähnliche Beobachtung an einem Knaben machte, der sein Geschirr zerbrochen hatte und nun seinen Linsenbrei in der Höhlung eines Brotstückes barg.“

Was braucht der Mensch und was braucht er nicht? Wie viele der Gegenstände und Umstände die er benötigt wurden ihm durch Wissen gegeben? Hat dieses Wissen und alles was daraus entstand das Leben vereinfacht oder verkompliziert?

Wie steht es um Zwischenmenschlichkeit?

I’ve noticed that redneck relationships are much simpler than mine.  My type of people read books about relationships.  We go to counselors with whomever we’re in a relationship with and overall we are obsessed with the complexities of solving our relational issues.  We even watch Dr. Phil.  I have actually had serious conversations about how my view of my mother in the home affects my intimacy in relationships.  I suspect few rednecks have that conversation while tailgating before the game.  Redneck men don’t talk much about women, they just take action.  They like a woman.  They go get her.  They don’t like a woman.  They ignore her.  If they are married to a woman, they both ignore her and go get her at the same time.  Redneck women, far from being passive, are actually far more pragmatic and realistic than non-redneck women.  They seem to be guided by one over-riding principle: men are dogs and will never change.  They are okay with this universal truth.  They don’t seem to be frustrated by trying to change their men.  They get from them what they need: lovin’, children, money & someone to grow old with.  They don’t sweat the details.  This simple approach to relationships seems much better.  I’ll have to talk to my therapist about why I’m drawn to it.

http://www.drurywriting.com/david/05-Redneck.htm

Die Definition des Narren des Tarots und die des biblischen Kindes ist geprägt von Neugier, ohne Zweifel, aber nicht die Neugier nach Wissen, denn das würde sie verderben. Sie sind eben durch ihre Unwissenheit erst Narren und Kinder. Der Wille nach Wissen, sowie das Wissen selbst, ist der Fluch der Menschheit sowie seiner Mitbewohner.

“In der Welt, die ich sehe, jagst du Elche durch die feuchten, bewaldeten Schluchten rund um die Ruinen des Rockefeller Center. Du trägst Ledersachen, die den Rest deines Lebens halten werden. Du kletterst die dicken Kudzu-Ranken empor, die den Sears-Tower umschlingen.
Ein Blick hinunter und du siehst winzige Gestalten, die Mais stampfen und Streifen von Wildbret auf der leeren Überholspur eines verlassenen Superhighway auslegen.”

 

Reste und Seelen

Weder das „Pulver des Lebens“ wurde mir geschenkt, noch ist mein Name Urfin. Aber ich bin ja auch nicht die Fantasiegestalt eines verwirrten Russen, noch dient mir meine Erschaffung oder ist willentlich gezeugt. Mein Verbrechen ist Unachtsamkeit und sicherlich auch Naivität, denn könnte ich vor dieser starken Veränderung meines Lebens eben diese nicht kommen sehen, nein, hätte niemals mit gerechnet. Ich bin kein Träumer, kein Esoteriker, Drogensüchtiger oder Gestörter. Ich bin ein Mann in den 20ern, habe eine Freundin, gehe zur Uni und studiere bodenständige Themengebiete. Mein Leben ist eigentlich „im Griff“, doch bezweifle ich auch nicht, daß meine folgenden Ausführungen so manche pathologische Charakteristik aufweisen wird. Aber ich bin nicht krank. Die Erscheinungen sind gleichbleibend, ja, mehr noch, so regelmäßig, logisch und eindeutig, daß von Krankheit garkeine Rede sein kann.

Entgegen irgendwelcher Horrorklischees schreibe ich diese Worte nicht kurz vor einem Selbstmord oder einer baldigen Eskalation auf, sondern einfach, weil ich Angst habe, und zwar, vor einer Ungewissheit die ich für meinen künftigen Lebensweg erahne. Ich beginne mit einer Schilderung der Ereignisse, sowie ein paar Hintergrundinformationen, um meinen Blickwinkel auf diese Dinge auszuführen, doch möchte ich den Leser zuvor noch beschwören, daß er mich nicht zu früh abschreiben soll. Ich möchte nochmal betonen, daß es nicht der Wahnsinn sein kann der aus mir spricht. Nicht, daß ich nicht schon mal eine ähnliche Diagnose gestellt hätte, doch verging diese Ahnung und wich tatsächlicher Klarheit über die Realität der Angelegenheit.

Allem voran, ich hatte eine wohlbehütete Kindheit, fernab vieler der großstädtischen Probleme, vom Mobbing bis zu den anderen Formen der Gefahr in Form von Kriminalität. Nein, in unserem kleinen Ort kannte jeder jeden und die Schule war auch nicht weit entfernt, soll heißen, es bestand ein positives Klima in diesem Umkreis. Ich möchte mit meinen Ausführungen so vorsichtig und realitätsnah wie möglich sein und deshalb noch erwähnen, daß selbstverständlich nicht immer alles wie im Schlaraffenland war und mein jetziger Lebensabschnitt ein geknoteter Strick einer illusorischen Kindheit ist, der sich nun zuzieht. Nein, wie jedes Kind hatte auch ich natürlich meine Problemchen von Zeit zu Zeit, die aber kaum nennenswert sind, sondern nur meine Bedenken des vorigen Satzes verwerfen sollen.
Ich lebte mit meinen treusorgenden Eltern und meinem großen Bruder in einer mittelgroßen Wohnung. Das Verhältnis in der Familie war sehr gut und ich danke meinen Eltern bis heute für ihren tollen Einfluss und insbesondere ihre Eigenschaft, daß man mit ihnen über alles sprechen konnte. Mit meinem Bruder schlief ich damals noch in einem Zimmer, was garnicht so schlecht war, weil ich ein recht ängstliches Kind war, ganz klassisch, Dunkelheit und unförmige Ungeheuer. Mein großer Bruder war aber mutiger, weil logischerweise auch älter, als ich und ich hatte keine Zweifel daran, daß er alle bösen Monster bestimmt vertreiben konnte.

Aber all diese Personen sind in meiner Erzählung keine Protagonisten. Nein, außer meiner Wenigkeit spielt in diesem Stück eigentlich nur ein weiteres Ding mit.

Als ich klein war, wurde mir von unserer Nachbarin ein Kuscheltier geschenkt. Ich kann mir schon vorstellen, was für Bilder dem Leser oder den Lesern im Kopf rumspuken. Die verfluchte Puppe einer alten Hexe, die ab dato den Besitzer plagt. Meine Freundin und sicherlich baldige Ex hatte auch nicht mehr als lächerliche Horrorreferenzen für mich übrig. Die Nachbarin war wie eine zweite Mutter für mich und das Geschenk, nunja, ein wohlgemeintes Geschenk. Das Kuscheltier war ein Pinguin, neu in einem Supermarkt gekauft (zumindest gehe ich davon aus) ohne nennenswerte Merkmale. Weiße Brust, gelber Schnabel und gelbe Füße und einen schwarzen Rücken und Kopf. Der oder die Leser müssen von dieser Tatsache schrecklich enttäuscht sein, denn die Trivialität dieser ganzen Ereignisse muss sich wohl schrecklich langweilig lesen. Doch schreibe ich hier ja schließlich auch keinen Roman, sondern, wie bereits gesagt, eine Art Brief, adressiert an Niemanden, der meiner Angst Luft machen soll.

Und trivial geht es auch erstmal weiter. Dieser Pinguin war mein einziges Kuscheltier und ich hatte eine recht starke Bindung zu ihm. Sicherlich nicht so stark wie manch andere Kinder, die ihren Kuscheltieren Namen geben oder ihnen kleine Häuschen bauen. Nein, ich habe meinen Pinguin lediglich in den eigenen vier Wänden ständig mit mir rumgetragen. Wenige Jahre später noch lag er ganz ikonographisch in meinem Bett herum. Nun natürlich bereits mit der ein oder anderen Gebrauchsspür, wie etwa einem verfärbten und garnicht mehr so weißem Bauch, einem fehlenden Auge, einem Riss auf dem Rücken, wo das weiße Innenleben rausschaute und einem zerfetzten Fuß. Ich kann nicht leugnen, daß es mich schon etwas störte, daß ein damaliger Freund ihn im Zuge eines spaßigen Abends nahm und das Loch am Rücken nutze um ihn regelrecht zu zerfetzen, aber ich war zu dieser Zeit nun definitiv aus einem Alter raus, in dem ich meinem Freund Vorwürfe für das Zerstören eines Kuscheltieres machen konnte. So flogen schon am nächsten Tag die Überreste des einst geliebten Stofftieres auf den Müll. Ein Szenario, wie es in diesem Land sicherlich täglich auftritt. Kuscheltiere werden entsorgt, wenn die Kinder sie nicht mehr brauchen, das heißt, wenn sie denken erwachsen zu sein.

Soweit die Vorgeschichte. Der Leser soll sich nun fragen, ob daran etwas ungewöhnlich ist. Denn das ist die Frage, die ich mir nächtlich stelle. Warum ich? Warum muss ich mit den Konsequenzen dieses Handelns leben, während viele, viele Menschen das ganz offensichtlich nicht müssen? Warum werde nur ich verfolgt?

Es begann vor genau 7 Monaten, 2 Wochen und 3 Tagen. Das weiß ich so genau, weil dieser Tag mein Leben veränderte. Sein „Leben im Griff“ zu haben empfand ich immer als sehr wichtig. Eben das zu tun, was man sich vorgenommen hat. Doch ich kann nicht leugnen, daß dieser Tag mein Leben völlig aus der Bahn geworfen hat, nein, mehr noch eigentlich der nächste und übernächste. Jede weitere folgende Nacht erhärtete nämlich den Verdacht, daß ich nicht nur einmal verfolgt werden sollte.
Nun aber soll der Leser auch nicht mehr länger in Unwissenheit gehalten werden, was denn nun die Plage darstellt. Ich weiß, man wird mich belächeln. Ich weiß, man wird mir Wahnsinn unterstellen, ausstoßen und auslachen. Aber ich muss es schreiben. Das, was mich verfolgt, ist mein alter Pinguin. Traurig, aber wahr. Keine Dunkelheit, keine unförmigen Ungeheuer. Jede Nacht steht dieses schwarz-weiße Flügeltier neben meinem Bett und beraubt mich mit seinen Tiraden meines Schlafes.
Ich möchte hier erwähnen, daß der Pinguin äußerlich so ziemlich jeder Pinguin sein könnte, denn sieht er seinem weggeworfenen Vorbild kaum ähnlich. Wenn ich nach wenigen Minuten Schlaf wegen seinen Monologen die Augen aufreiße steht er immer gleich neben meinem Bett, bevor er anfängt, wie durch meine geöffneten Augen getrieben, durch das Zimmer zu gehen um seine Vorwürfe weiterzuführen. Entgegen seines damals so puristischen Äußerlichen, wirft er sich für seinen nächtlichen Auftritt immer sehr in Schale. Sakko, Hemd, Krawatte und Zylinder kleiden ihn. In dem Sinne könnte man, wie gesagt, davon ausgehen, daß es nur irgendein Pinguin wäre. Doch sind seine Aussagen alles andere als unspezifisch oder unpersönlich. Ja, tatsächlich sind Vorwürfe der Anlass für seine Besuche, und zwar darüber, daß unsere gemeinsame Zeit für ihn zwischen Zigarettenstummeln, ausrangierter Kleidung und Plastiktüten endete. Meine Freundin sagte mal, daß ich mich drüber amüsieren sollte, aber ich kann ein gewisses Schuldgefühl tatsächlich nicht von mir schieben. Selbstverständlich weine ich nicht jedem unbelebten Müll hinterher, den man täglich erzeugt. Aber vielleicht füllen Emotionen, gemeinsame Zeit und kindliche Zuneigung ja doch leblose Gegenstände mit…irgendwas. Der Bauer, der seine Katze in einen Sack steckt um sie in den nahen Fluss zu werfen, die Mutter, die ihr Neugeborenes in einer Kinderklappe verstaut, das Muttertier, das seine eigenen Kinder frisst. All ihnen fühle ich mich gleich.

Doch Mitleidsbekundungen und Entschuldigungen prallen am erhabenen Wesen des Tieres ab. Früher hätte ich mir das Überlegen sollen sagt er. Unachtsamkeit und Naivität sind keine Entschuldigungen sagt er. Ich habe die Folter verdient sagt er.

Morgen ist der erste Termin mit meinem Psychiater und ich hoffe auf Medikamente. Ich brauche Schlaf und Ruhe.

Ich danke dem Leser, wer auch immer das sein mag, für seine Aufmerksamkeit.

Tägliches Empfinden

Wunsch: Von einer Dryade geküsst und/oder einem Werwolf zerfleischt werden.

Zum Mär der konditionslosen christlichen Nächstenliebe

(wider Teilen des Textes „Der einzige Christ starb am Kreuz”)

„Wenn es möglich wäre, die Massen zu bewegen, den Atheismus anzunehmen, so würde er ganz zum unduldsamen Eifer eines religiösen Gefühls und in seinen äußeren Formen bald zu einem Kultus werden.“

Was Gustave Le Bon  in seinem Hauptwerk „Psychologie der Massen“ schreibt, muss uns heute schon regelrecht prophetisch erscheinen, ist es doch einer der Hauptaspekte, die das heutige Selbstverständnis des Menschen ausmacht. Dies ist allerdings bis ins kleinste ausformuliert, denn ein weiterer Zweig, abgesehen von den wahrhaft Religiösen, hat sich aus dem atheistischen Massenphänomen ergeben. Diese Form äußert sich in Yoga als Körperübung, Ayurveda als ein Kochbuch und Feng-Shui als bloße Einrichtungssystematik. In allen drei Beispielen wird nicht nur die Praxis von den Traditionen eben dieser getrennt, sondern es lässt sich auch leicht und schnell feststellen, daß hier alle, nachdem sie mit der atheistischen Masse in Berührung gekommen sind, profanisiert wurden, id est, auf das Äußerliche ausgerichtet sind. Die geistige Entwicklung des Yogas, der ganzheitliche Ansatz des Ayurvedas und die philosophisch-religiöse Ausrichtung nach Himmelskörpern und Himmelsrichtungen mitsamt ihrer Bedeutungen und Konsequenzen des Feng-Shui, werden durch Körper, Nahrungsaufnahme und Möblierung ausgetauscht. Ein Zeitalter, daß schon seit hunderten Jahren nur an Äußerlichkeiten arbeitet, in dem die Kinder schon in jungen Jahren die Programme und Bedienung des Fernsehapparates auswendig kennen, aber sich selbst völlig unbekannt sind und folglich auch keine Kontrolle über sich haben, muss in dieser Weise mit Weisheitslehren umgehen.

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Die Blüten des Egos

Wie im Text „Felsen bewegen“ schon angedeutet, kann eine Bewegung an ihren persönlichen Vorstellungen, gerade wegen diesen, scheitern. Es ist natürlich ein Gutes, wenn jemand fanatisch und geradlinig seiner Vorstellung folgt, ja, gerade diesen Menschen suchen wir ja zu erzeugen. Beseelung ist uns ein großes Wort und wir wollen alles mit Seele füllen. Wenn wir diese Gedanken nun verbinden, so sehen wir das Abbild der heutigen Bewegungen.

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Felsen bewegen

Es sind uns ja Vorbilder aus der Geschichte bekannt, Menschen, die spürten, daß etwas falsch läuft, erstmal unabhängig von Ziel und eigenen Interessen, ob nun angefangen mit Harmodios und Aristogeiton, weiter mit Arminius, hin zu, beiden, Hitler und Stauffenberg, sowie den Mitgliedern der RAF. Was den Menschen am Herzen lag war Veränderung einer Zeit, die Probleme aufwies, eine Veränderung an erster Stelle. Über den Gehalt der Verbesserung lässt sich durchaus streiten, aber das soll ausgeblendet werden. Die Liste der aufgezählten Veränderer ist willentlich ideologisch different ausgefallen, da, wie schon erwähnt, an erster Stelle die Veränderung stehen soll.

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Der Werwolf aus metaphysischer und metabiologischer Sicht

Das Bild zeigt Peter Stubbe, wie er als Werwolf das Umland unsicher macht. Dieser wurde am 31. Oktober (Samhain und Wolfgangstag) 1589 für 16 Morde und mehrfache Vergewaltigung und Inzest im Laufe von 25 Jahren, schlußendlich von der christlichen Justiz in einem Werwolfprozess durch Rädern, Enthauptung und anschließendem Verbrennen der Leiche hingerichtet. In der Nähe rund um Bedburg, wo das ganze stattfand, nennt man Werwölfe bis heute noch in Anlehnung an diesen Fall einfach “Stüpp” (wie Stubbe). Damit nimmt der gute Peter aber wohl nur den Platz des zweitbekanntesten Wolfmenschen der Geschichte ein, denn was seiner Verwandlung (oder Krankheit) seinen Namen gibt, wäre ja die Lykanthropie. Dieser Name führt an erster Stelle natürlich auf das griechische lykos für Wolf und anthropos für den Menschen zurück, aber es dürfte schwer fallen hier nicht einen Bezug zu dem arkadischen König Lykaon zu sehen, der von Zeus in einen Wolf verwandelt wurde, weil dieser dem Gott Menschenfleisch servierte, wie in den Metamorphosen von Ovid zu lesen ist.
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