
Den gestrigen Tag als vollen Erfolg zu verbuchen wäre genauso falsch, wie in ihm eine Niederlage zu sehen. Einen Tag wie den 16. Oktober 2010 gab es noch nie. Zu keinem Zeitpunkt zuvor reagierten wir so oft spontan wie an diesem einem Tag, bisher sind 12 glaubhaft bestätigte Spontandemonstrationen in und um Leipzig bekannt. Was sind die Ursachen dafür und was das Resultat, welche Konsequenzen müssen wir als Widerstandsbewegung daraus ziehen? Doch beginnen wir wie im letzten Jahr von vorn.
Wie mittlerweile bei Großdemonstrationen üblich, wurden auch alle vier ‚Recht auf Zukunft`-Demonstrationen verboten. Man genehmigte uns zwar eine stationäre Kundgebung am Hauptbahnhof, doch diese lehnten wir offen und deutlich ab. Dennoch mobilisierten wir weiter nach Leipzig, um unser Recht zu erkämpfen. Den meisten war klar, dass dieser Tag von Spontandemonstrationen geprägt sein würde, welches auch unser Anliegen und Ziel war. Dieses Konzept führte schließlich zu unserem gestrigen Teilerfolg, war aber auch eines der Hauptprobleme, doch dazu mehr.
Viele beklagten sich über den mangelnden Informationsfluss, speziell über das Internet. Als Erstes sei gesagt, dass wir das Internet nicht als primäre Informationsquelle ansehen. Es gab eine EA-Nummer, diese wurde Großgruppen im Vorfeld zugesandt, der Rest hätte sie in Form von Flugblättern an den Vorabtreffpunkten von Aktivisten der Kampagne erhalten. Das dies nicht immer klappte ist durchaus ein Verschulden unsererseits, da wir nicht überall präsent waren. Weiterhin gab es eine Nummer für die Führungspersonen der Gruppen, über welche sie einem extra eingerichtetem Organisationsbüro jeden ihrer Schritte mitteilen sollten, um eine bestmögliche Koordination zu ermöglichen. Dieses Konzept ging trotz aller Bedenken relativ gut auf, das Organisationsbüro war immer gut informiert und konnte Gruppen mit wichtigen Informationen versorgen. Größtes Problem hierbei war jedoch, dass eben nicht alle Gruppen rechtzeitig oder überhaupt diese Nummer erhalten hatten.
Bereits zu Beginn des Tages zeigte sich, das der Überwachungsstaat an solchen Tagen leicht und schnell versagt. Während bspw. in Chemnitz oder Erfurt schon ab 08.00 Uhr große Polizeiaufgebote warteten und die Aktivisten begleiteten und observierten, gelang es anderen Gruppen sich völlig unbehelligt zu treffen und zu sammeln.
Die erste Spontandemonstration fand an diesem Tag im südlich von Leipzig gelegenem Geithain statt. Dort marschierten nach kurzer telefonischer Ankündigung mehr als 120 Widerstandskämpfer ungestört ab 10.00 Uhr durch Geithain und dies ganze 45 Minuten. Erst danach traf eine BFE-Hundertschaft ein, welche die Teilnehmer zwang, sich abfilmen zu lassen und in zwei Gruppen nach Leipzig zu fahren. Nahezu zur selben Zeit lief die größte Spontandemonstration an diesem Tag in Halle, wo fast 400 nationale Sozialisten ebenfalls ungestört mehr als 30 Minuten durch die Hallenser Innenstadt liefen, wobei auch sie anschließend von starken Polizeikräften eingekesselt und nach Leipzig gezwungen wurden. Aus diesen beiden Gruppen und ca. 100 weiteren Menschen bestand später auch die stationäre ‚Recht auf Zukunft‘-Kundgebung bzw. die neu angemeldete zweite Kundgebung, welche ebenfalls am Hauptbahnhof stattfand.
Während sich damit mehr als 500 Widerstandskämpfer direkt auf den Weg zum Leipziger Hauptbahnhof machen mussten, waren weiterhin Hunderte auf freiem und spontanem Fuß in und um Leipzig unterwegs. In Merseburg, Döbeln, Wurzen, Riesa, Jena, Leipzig-Engelsdorf, Leipzig-Schönau, Leipzig-Lindenau, Leipzig-Schönefeld und Borna. Die letzte bisher bekannte Demonstration in Borna endete gegen 19.00 Uhr.
Aus den Zahlen und Rechnungen des Organisationsbüros sowie weiterer interner Angaben ergibt sich eine Zahl, welche zwischen 1.100 und 1.300 schwankt, eine genauere Angabe wird wohl nicht möglich sein.
Die von den Demokraten verordnete Kundgebung blieb im Endeffekt leer, lediglich die Jungs und Mädels, welche aus Halle kamen, mussten für eine Viertelstunde dorthin, bevor die Kundgebung als Sammelpunkt für beendet erklärt wurde. Keine 30 Meter Luftlinie entfernt hielten weitere 200 Kameraden auf einer angemeldeten Spontankundgebung die Stellung und weigerten sich den Kessel wie von der Polizei gefordert zu betreten.
Weiterhin können wir sagen, dass es über den gesamten Tag verteilt keinerlei Festnahmen oder Verletzte gab. Dennoch blieben auch dieses mal Kameraden nicht ganz von kommunistischen Heldentaten verschont, so wurde ein Auto der Ersthelfer sowie ein Bus aus dem Norden Deutschlands völlig zerstört bzw. entglast. Außerdem zeigten rund 50 bis 60 zwar sportlich gekleidete, aber doch eher unentschlossene Antifaschisten, wie ihr Angriff aussieht, zehn jugendliche Jungs und Mädels mit allem bewerfen, was man zur Hand hat, um dann doch den Laufschuh zu machen.
Abschließend kann man vorerst sagen, dass unser größtes Problem eine effektive Koordination der Spontandemonstrationen war. Einerseits konnten wir dieses Problem nicht zufriedenstellend lösen, andererseits musste es auch noch niemand vor uns, sodass wir keinerlei Erfahrungswerte hatten, auf die wir zurückgreifen konnten.
Wir sind an diesem Tag marschiert und nur das war unser Ziel. Der Kessel ist wie angekündigt bis auf die letzten 15 Minuten und den Anmeldern bzw. Lautsprecherfahrzeug vollständig leer geblieben. Ihr habt euch, da wo wir es nicht schafften, gut selbst koordiniert und richtig gehandelt. Wir konnten zwar nicht in einem großen Aufzug durch die Innenstadt laufen, aber das wäre definitiv unmöglich gewesen und war deshalb zu keiner Zeit unser primäres Ziel. An jedem Leipziger Bahnhof, selbst an Bedarfshalten standen mindestens zwei Einsatzfahrzeuge der Polizei, um auf jede Ankunft in Leipzig sofort reagieren zu können.
Lasst die Zivilgesellschaft und Antifaschisten ruhig jubeln, sie haben dieses Jahr noch weniger bewirkt als im Letzten, eine stationäre Kundgebung kann man nicht verhindern. Lasst Demokraten ruhig verbieten, Leipzig war unser Versuch das Laufen neu zu erlernen und jeder von euch kann behaupten, er hat das Laufen neu gelernt. Es war ein bescheidener Anfang, doch was folgen wird, kann niemand von ihnen mehr stoppen!