Entspannt saß Erich Müller am Steuer seines neuen Golf VII, mit dem er auf der A3 von Frankfurt in Richtung Köln unterwegs war. Heute Vormittag erst hatte er den mit allen technischen Neuheiten ausgestatteten Wagen von seinem Händler übernommen: Spracherkennung, Abstandswarner, Tür- und Zündschlösser mit Fingerabdruckerkennung gehörten ebenso zur üppigen Serienausstattung wie das neue GPS-II-System.
Nicht ohne einen gewissen Stolz hatte der Verkäufer darauf hingewiesen, dass Volkswagen weltweit der erste Automobilhersteller sei, der Geräte mit dem neuen Navigationsstandard anbot. Kein Wunder dachte Erich, während er den Wagen von der rechten auf die mittlere Spur steuerte. Schließlich war GPS-II eine Entwicklung von United Arab Tec, jenem arabischen Konzern, der im Jahr 2004 erste Anteile an Volkswagen erworben hatte. Sechs Jahre später hatte UAT vom finanziell schwer angeschlagenen Land Niedersachsen dessen gesamtes Aktienpaket übernommen und somit die Mehrheit an VW erworben.
Vor vier Monaten hatte der neue VW-Vorstandschef, Faruk el Sheikh bin Luden auf der Frankfurter IAA den Golf VII vorgestellt. Dieses Automobil verbinde deutsche Technik mit arabischer Tradition, hatte Faruk gesagt – und nun fuhr Erich eines der ersten an Kunden ausgelieferten Exemplare. Erich lächelte glücklich.
Sein Lächeln wich einem besorgten Blick, als das Radioprogramm plötzlich von einem Geplärre übertönt wurde, das an den Muezzinruf der Frankfurter Zentralmoschee erinnerte. Fast gleichzeitig erschienen auf dem Multifunktionsbildschirm in der Mittelkonsole arabische Schriftzeichen. Noch bevor er zur Radiobedienung greifen konnte, endete der Muezzinruf.
„Allahu Akhbar – Allah ist groß!„ tönte es nun aus den zwölf Lautsprechern des Wagens, „es ist bald Zeit für das mittägliche Pflichtgebet. Bitte folgen Sie den Anweisungen des Navigationssystems zum nächsten Autobahnrastplatz.„. Der Ansage folgte orientalische Musik.
Erich atmete tief ein und aus und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf den Bildschirm. „Spracherkennung an!„ brummte er wütend „Was soll das?! Radio SWR 3 wieder einschalten! Autobahnkarte auf den Bildschirm!„ Nach kurzer Pause meldete sich die Sprachausgabe des GPS-II-Systems: „Dies ist kurz vor der Gebetszeit nicht statthaft. Bitte wechseln Sie auf die rechte Spur und fahren Sie in zwei Kilometern den Rastplatz an.„
Nachdem er seine Fassung wiedergewonnen hatte, setzte Erich den Blinker links, wechselte die Spur und trat aufs Gaspedal. „Achtung!„ meldete sich das Navigationssystem erneut „Sie verpassen den Rastplatz in 1,5 km. Der nachfolgende Rastplatz kann vor dem Beginn der Gebetszeit nicht mehr erreicht werden. Bitte verringern Sie sofort die Geschwindigkeit, wechseln Sie auf die rechte Spur und steuern Sie den Rastplatz an!„
„Blöde Kiste!„ knurrte Erich und beschleunigte weiter – nichts geschah … „Achtung! Das Mittagsgebet beginnt in weniger als zwei Minuten. Ihr Wagen wird jetzt automatisch auf den Parkplatz geleitet, damit Sie das Gebet verrichten können!„
Jetzt platzte ihm endgültig der Kragen „Sch… kiste! Ich bin doch kein Moslem!„ tobte er, während der Wagen wie von Geisterhand über zwei Spuren wechselte und das Tempo verringerte. Erich trommelte vor Wut auf den Lenkradkranz, als der Wagen auf dem Parkplatz ausrollte.
„Das Fahrzeug wird jetzt mit dem Fahrersitz nach Mekka ausgerichtet„ meldete sich das Navigationssystem erneut. „Islam-Radio überträgt nun den Muezzinruf und das Mittagsgebet aus der König Fahd-Akademie in Bonn. Allahu akhbar – Allah ist groß!„ Die Stimme des Muezzin aus dem Radio schwoll immer weiter an und schlagartig wurde Erich klar, was Faruk el Sheikh meinte, als er von der Verbindung deutscher Technik und arabischer Tradition sprach…
Quelle: http://www.spreelichter.info/blog/Die_erste_Fahrt_im_neuen_Golf-328.html
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